Aus- und Verbreitung

Im Anschluss an die Darstellung der ersten Grabhügel in Europa ist nun die Verbreitung dieser von höchstem Interesse. Grundsätzlich ist die Frage zu klären, wie sich die Sitte der Grabhügelbestattungen ausbreiten konnte, über welche Wege und letztlich in welchem Zeitraum dies geschah. Lässt sich ein eindeutiges Entstehungsgebiet ausmachen oder ist diese Ideen an mehreren unterschiedliche Orten zu einem an nährend gleichem Zeitpunkt unabhängig von einander entstanden? Ist es möglich einen Zusammenhang mit weiteren Innovationen14 der Kupferzeit und deren Ausdehnung darzustellen? Diese und weitere Fragen gilt es auf folgenden Seiten zu beantworten. Neben den im bereits genannten Gebieten der nordpontischen Steppe, Mitteldeutschland und Griechenland sind Grabhügel weitaus weiter verbreitet. Zu finden sind sie ebenfalls in Dalmatien, auf Sardinien und Korsika und in Italien. In Dalmatien sind Steinhügel, seltener Lehmhügel und Steineinbauten mit Erdhügeln zu finden. Östlich der Adria sind gegen Ende der Spätkupferzeit Kremationgräber in oder unter Hügelschüttungen angelegt worden. Hügel in Form von konzentrischen Steinkreisen, versehen mit Steinstelen, finden wir auf Sardinien. Angeordnet wurden die Stelen an den Gräbern entweder in Gruppen oder linear aufgereiht. Auch auf Korsika entstanden vergleichbare Monumente. Es handelt sich um eingetiefte, aus großen Granitplatten gebaute Gräber, umgeben von konzentrischen Steinkisten. Die Stelen haben im Durchschnitt eine Höhe von 1 bis 2 m.(Primas, 1996.) Nicht nur in Südosteuropa sind Grabhügel zu finden. In West-, Nord- und Mitteleuropa treten ebenso häufig eine optisch sichtbare Hervorhebung zahlreicher Grabstätten wie Dolmen, Ganggräber, Langhügeln auf. Interessanterweise sind Hügelbestattungen nie die einzige Form der Beisetzung. So auch nicht in der Trichterbecherkultur des nördlichen Mittel- und Nordeuropa. Dort sind ebenfalls Dolmen mit Einzelbestattungen, Einzelbestattungen in Flachgräbern (Raetzel- Fabian, 2002.) und Kollektivbestattung in Ganggräbern festgestellt worden. Wie der Variantenreichtum verdeutlicht, waren die unterschiedlichen Bestattungen vermutlich vorwiegend sozial motiviert.(Häusler, 2004.) Dolmen und Ganggräber wurden in der Bretagne, Westzentralfrankreich und Westiberien ab 5000 BC errichtet. Von dort aus verbreitet sich diese Sitte in das west- und zentralfranzösische Hinterland, in die südlichen Gebiete Irlands, ebenso nach Wales und England. In den Niederlanden, in Nordwestdeutschland, Dänemark und Skandinavien ist das Auftreten der Megalitharchitekur erst knapp vor 3500 BC nachweisbar.(Müller, 1998.) Auffällig ist, dass zu einem an nährend gleichen Zeitpunkt, im 5. Jahrtausend v. Chr. sowohl in Osteuropa als auch in Westeuropa, die Herstellung von Ruhestätten wesentlich mehr Arbeitskraft und Zeit in Anspruch genommen hat. Sei es bei der Errichtung der Steingräber, also auch bei der Errichtung der Grabhügel. Betrachtet man andere Innovationen der Kupferzeit, zum Beispiel die Domestikation des Pferdes, die in den östliche Gebieten als ersten Auftreten, so ist es nahe liegend, dass auch die Sitte der Hügelbestattungen in dieser Gegend ihr Ursprungsgebiet hat. Meines Erachtens gibt es zwei unterschiedliche Entstehungsgebiete, sowohl im Osten (weitere Überlegungen dazu folgen in einem der nächsten Absätze) als auch im Westen Europas, nur in unterschiedlicher Form. Beide Entwicklungen bleiben nicht in ihrem Ursprungsgebiet, sondern breiten sich weiter in Europa aus, bis beide Strömungen aufeinander treffen und Mischformen bilden. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede werden unter dem Punkt „Form“ an anderer Stelle erläutert. Richten wir unseren Blick noch einmal auf die nordpontische Steppe und deren Hügel. Die Steppe stand im Äneolithikum immer wieder unter Einfluss aus dem karpatisch- balkanischen und kaukasischen Raum.(Rassamakin, 2004.) Wie bereits festgestellt ist die Hügelgrabidee vermutlich ein Produkt aus den unterschiedlichen Einflüssen. Die Hügelaufschüttungen konzentrieren sich hauptsächlich entlang der Flussläufe. Es ist durchaus möglich, dass sich diese Idee, durch Reisende oder Wanderer verbreitet haben, die über das Kommunikationsnetzwerk „Fluss“ andere Gebiet erschließen wollten. Im Zusammenhang mit der Entstehung der Hügelgrabbestattung hat Blagoje Govedarica (2008.) eine interessante, jedoch abstrakte Theorie entwickelt. Er sieht die Rundbauten von Göbekli Tepe15 mit den monumentalen Steinstatuetten aus dem 11. Jahrtausend v. Chr. als Vorgänger der Grabhügel, da diese nach einer bestimmten Zeit mit einem Erdhügel bedeckt worden sind. Govedarica verweist hier auf eine symbolische Bestattung der Statuetten. Doch ehe diese Form der Bestattung in der 2. Hälfte des 5. Jahrtausends v. Chr. zu einem festen Element der Begräbnisart (Govedarica, 2008.) wurde sind knapp 5000 Jahre vergangen und es stellt sich die Frage was in der Zwischenzeit geschah. Sicher ist es auch in diesem Falle möglich, dass sie die Grundform durch wandernde Bevölkerungen entlang der Wassersysteme verbreitet hat. Von dieser Theorie ausgehend, müssten sich dann weitere Statuettenbestattungen außerhalb von Göbekli Tepe befinden. Dem ist nach bisherigen Kenntnisstand nicht so, es könnte sich dabei aber auch um eine reine Forschungslücke handeln. Eines der ältesten Hügelgräber der Steppe, Suvorovo, hat als Beigabe ein Zepter, in Form eines Pferdekopfes, vielleicht ist das der Zusammenhang zwischen den Statuettenbestattungen von Göbekli Tepe und den frühen Kurganen in Osteuropa. Es könnte sich um eine Zwischenform handeln, bei der die symbolische Bestattung der Statuette gegenüber der Menschenbestattung in den Hintergrund tritt. Dies ist lediglich eine von vielen Theorien über den Herkunftsort der Hügel und ist zum derzeitigen Zeitpunkt nicht zu beweisen.

14. Als Beispiele sind zu nennen: Rad/Wagen/Plug/Ackerbau, Metallurgie und die Pferdedomestikation
15. „Hügel mit Nabel“ ist ein Bergheiligtum im Südosten der heutigen Türkei (Badisches Landesmuseum Kalsruhe, 2007.

Alexandra Südekum, Halle/Saale, 2009.

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