Luthers Haus in Mansfeld

1. geologischer Abriss

Spätestens seit dem Mittelalter wird das Mansfelder Land stets eng verknüpft mit Bergbau erwähnt. Bereits 1370 soll der Kupferbergbau im Mansfelder Land zum erliegen gekommen sein, doch soll dies nicht den wirtschaftlichen Untergang dieser Gegend bedeutet haben. Mit der Erfindung des Saigern, das ermöglichte dem Kupfer das wertvollere Silber entziehen zu können1 konnten weitaus höhere Beträge erzielt werden. Dies wiederum führte zu einem wirtschaftlicher Aufschwung Mansfelds. Da die Stadt Mansfeld eigentlich außerhalb des Bergbaureviers liegt, galt es mehr als Ort der Verhüttung und des Handels.

Mansfeld liegt am Rand der Mansfelder Mulde, deren geologischer Untergrund größtenteils aus Rotliegendem besteht. Die Kupferhaltigen Schichten liegen an der Basis der folgenden Zechsteininformationen und sind Ablagerungen eines riesigen urzeitlichen Meeres.

Das Kupferflöz liegt in der Mansfelder Mulde vergleichsweise wie in einer Schüssel, die Schichten folgen der Form des Beckens und treten so an dessen Rand an die Oberfläche.

Älteste Bergbauspuren sind im Bereich der so genannten Ausbisse befunden worden. Es handelt sich dabei um zahlreiche kleine Pingen und deren Halden. Hingegen sind jüngere Spuren in Bereichen, in denen das Flöz tiefer liegt zu finden. Gekennzeichnet sind diese durch Flachhalden aus der Barockzeit und der jüngeren Neuzeit2. Folgerichtig bietet die Form der Halde einen Ansatz zur Datierung des vorliegenden Bergbaus3. Östlich des Mansfelder Schlossberges ließ sich eine mittelalterliche Pingenlandschaft, bestehend aus zahlreichen kleinen Aufschüttungen, ausmachen. Nahe des Klosters Mansfeld sind größere Flachhalden auffällig.

In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass das Mansfelder Land im Bereich einer inselartigen Lössanwehung liegt. Die Ausläufer eines Lössgebietes, das sich ab Kloster

Mansfeld weit nach Osten erstreckt, sind Siedlungsgeschichtlich bedeutsam.

2. Grabungssituation

Die Auswertung des Fundmaterials aus dem lutherschen Elternhaus in Mansfeld unterlag nicht allein den Archäologen des Landesamtes für Archäologie und Bodendenkmalpflege Sachsen- Anhalt in Halle/ Saale. Im Sinne einer fortschrittorientierten Arbeitsweise ist das gesamte Material in interdisziplinärer Zusammenarbeit untersucht worden.

Knapp 7000 Tierknochen wurden untersucht von Herr Dr. Hans-Jürgen Döhle, ebenfalls tätig am Landesamt in Halle.4

Im Rahmen einer Stadtkernsanierung von Mansfeld (Ende 2002 bis Ende 2003) konnten baubegleitend archäologische Ausgrabungen vorgenommen werden, da die mansfeldische Altstadt ein archäologisches Flächendenkmal ist. Die zuerst unter Kathrin Balfanz laufenden Ausgrabung wurden ab Mai 2003 durch Björn Schlenker, Landesamt für Archäologie und Bodendenkmalpflege, übernommen5 Im Zuge der gesamten Ausgrabungen konnten insgesamt über 130 Befunde untersucht werden.6

Von großen Interesse ist der letzte Befund, Befund 133, die sogenannte „Luthergrube“ auf dem ehemaligen Anwesen der Familie Hans Luder.

Im Zuge der Untersuchungen in der heutigen Lutherstraße sind in einer Baulücke zwischen den Grundstücken 24 und 26 Mauerreste zum Vorschein gekommen. Diese konnten aufgrund der historischen Überlieferung als Überreste des Elternhauses von Martin Luther identifiziert werden. Zu verdanken ist dast vor allem auch dem überlieferten Stadtplan und der Chronik des Cyriakus Spangenberg(um 1560)7.

Um das Jahr 1500 kaufte Hans Luther das Haus, das bereits 1805/1806 abgerissen wurde8.

Kaum bekannt ist, dass der Gewölbekeller mit abzweigenden Nischen dieses Hauses noch heute besteht.9

Ebenso ist Heute vom Lutherschen Anwesen noch ein Gebäude erhalten, das ein Museum beherbergt, und der Familie Luther möglicherweise als Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude gedient haben soll.

3 Befund 133

Nach Freilegung von wenigen Mauerresten konnte auf dem angrenzenden Privatgrundstück eine weitere Sondage durchgeführt werden, die auf mögliche Überreste des Wohnhauses abzielte. Unter der 20-30 cm tiefen Lössschicht kam eine grau-braune, sehr lockere, aschehaltige Schicht zum Vorschein, die sich als ausgesprochen fundreich erwies.

Aufgrund der Vielzahl an Kleinfunden war es erforderlich, das bei der Grabung anfallende Sediment zu sieben. Genutzt wurde dein Sieb mit einer Maschenweite 3 mm10.

Zunächst ist der Befund 133 als ordnungsgemäß und gezielt angelegt Abfallgrube bzw. Latrine angesehen worden. Jedoch stellte sich im Verlauf der weiteren Grabungen aber heraus, dass aufgrund verschiedener Laufhorizonte an dieser Stelle ursprünglich eine in den Löss gestochene Treppe existiert haben muss.11

Es wird angenommen, dass es sich bei der Treppe um einen Zugang zu einer großen, etwa 4m tiefen Baugrube gehandelt hat, die für den Bau des Gewölbekellers angelegt wurde.12 Bei Abschluss der Bauarbeiten wurde dann auch die angelegte Lösstreppe verfüllt.

Zum einen diente als Füllmaterial steriler Lösslehm und zum anderen der Inhalt einer größeren, bereits bestehenden Abfallschutte. Es erfolgte also eine Umlagerung, was auch durch die im gesamten Befund streuenden Münzen, Buntmetallfunde und Keramik bestätigt wird. Teilskelette von Fischen sowie Schlacke- und Aschelinsen hingegen zeigen wiederum eine deutliche Schichtung und sprechen dafür, dass man hier noch Abfall entsorgte, während gerade der „gewohnte“ Abfallhaufen in den noch bestehenden Schacht geschüttet wurde.

Während der Abfall zum Teil einen kompostartigen Charakter hatte, stellt sich bei den Münzen und anderen Funden allerdings die Frage warum diese überhaupt entsorgt wurden13, doch soll diese Frage in dem folgenden Passus behandelt werden.

4. Einzelfunde

Grundsätzlich wird von einer Deponierung des Fundmaterials etwa in den 1530er Jahren ausgegangen. Schlüsselstellung in dem gesamten Material nehmen unter anderem die über 300 Silberbrakteaten, meist Eisleber Hohlpfennige, aber sehr schlechte erhalten, ein. Hierbei handelt es sich um keinen eigentlichen Münzschatz, da eine Streuung im gesamten Befund festgestellt werden konnte. Verallgemeinert lässt sich sagen, dass ein Schatzfund meist aus mehreren, nah beieinander liegenden Gegenständen besteht und in einem Behältnis aufbewahrt worden ist. Über den Grund der Verbergung lassen sich heute aber keine sicheren Aussagen mehr anführen.14

Einen weiteren Fundkomplex, neben den Münzen, stellen die fast 400 Fundgegenstände aus Buntmetall dar. In diesem Zusammenhang ist die Frage von Interesse, warum sie nicht zum Beispiel zur Verzierung neuer Kleidungsstücke wieder verwendet wurden, da man sich in einem Bergbau- und Hüttenrevier wie Mansfeld über den Aufwand der Metallgewinnung und den Wert des Rohmaterials sicher im Klaren gewesen sein musste.15

In diese Kategorie zählen zum Beispiel Zierapplikationen bzw. –beschläge, die in großer Anzahl auftreten. Betrachtet man jedoch die enorme Zierfreudigkeit vieler der überlieferten Trachten, relativiert sich möglicherweise die große Fundmenge aus Mansfeld wieder.

Eventuell ist hier ein besonders aufwändig verzierter Trachtbestandteil, etwa eine Brautkrone, entsorgt worden.16 Fraglich jedoch ist, warum ein solch kostbares, auch in emotionaler Hinsicht, Stück in den Abfall getan werden sollte.

Allgemein haben Blütendarstellungen im Mittelalter eine besondere Rolle inne. Ihnen kommt eine symbolische Funktion zu, nicht zu letzt im Zusammenhang mit den Attributen der Heiligen. Unter den Blütendarstellungen sind häufig die so genannten Rosetten zu finden. Dabei handelt es sich um Darstellung der Rose als Wildform, oder der einfach gezüchteten Form. Ebenso erinnern sie an die Rose im Wappen Luthers. Unterschieden werden die Rosetten zwei verschiedene Typen. Zum einen durch die künstlerische Ausführung und zum anderen durch die technische Lösung der Fixierung an den Gewändern.17

Eine besondere Rolle kommt den so genannten „Flindern“ oder „Flittern“ zu, die seit Anfang des 20. Jh. unter der Bezeichnung „Pailletten“ bekannt sind. Dass Flitterbleche mit dem Hochzeitsbrauchtum in Zusammenhang stehen, lässt sich noch heute am Begriff „Flitterwochen“ erkennen.18 Unter den Funden befinden sich weiterhin einige Zierniete und eine Anzahl von aus Messing gefertigten Kettengliedern.19

Auch in Mansfeld wird wieder bestätigt, dass bei mittelalterlichen Fundmaterialien Knöpfe als Verschlüsse von Kleidungsstücken kaum eine Rolle spielen. Im Gegensatz dazu konnten mehrere Haken und Ösen aus Messing bzw. Eisen geborgen werden.20

Nestelhülsen, kleine Metallröhrchen, die aus einem Stück Blech geformt wurden und als Versteifung von Riemenenden dienten21, traten ebenso häufig im Fundbild auf. In ihrer Funktion vergleichbare Hülsen sind heute noch am Ende von Schnürsenkeln zu finden.22

Im weiteren Sinne gehören ebenfalls die „Heftel“ zur Fundkategorie Kleidung, Tracht und Textilien. Die aus Messingdraht hergestellten Steck- oder Heftnadeln dienen dazu Hauben zu stecken und zu halten sowie Falten zu werfen, jedoch im Verborgenden zu bleiben.23

In diesem Zusammenhang sind des weiteren Riemenschnallen zu nennen, die wohl an dünnen Gürteln, Taschen, Pferdegeschirr, Schuhen usw. Verwendung fanden.24

Aus dem Befund liegen auch einige Schmuckperlen, aus Glas und Knochen gefertigt, vor, die ihre Auffindung wohl vor allem der Durchsiebung des Sedimentes verdanken. Eine Deutung als Reste eines Rosenkranzes gilt aufgrund der geringen Größe als unwahrscheinlich25. Vermutlich sind es Elemente einer Perlenstickerei. Gewickelte Messingdrähte könnten gleichfalls Kleidungsapplikationen gedient haben.26 Der bronzene Beschlag in der Form eines massiv geformten Ornaments, über dem ein aus Bronzeblech gearbeiteter Buchstabe steht, stellt einen Ausnahmefund dar. Der Buchstabe ist als gotisches Minuskel-d zu erkennen und kann mittels der Paläographie einer Entstehungszeit um 1500 +/- ca. 25 Jahre zugeordnet werden.27 Zwar ist die Interpretation der Bedeutung dieses Buchstaben spekulativ, doch könnte er möglicherweise Dorothea, einer der drei Schwestern Martin Luthers als Initialbuchstabe zugeordnet werden.28

Beim Sieben des Sediments konnte das einzige Textilfragment geborgen werden. Ein etwa 1×2 cm großes und verkohltes Gewebestück aus Pflanzenfasern. Mit Hilfe eines Elektronenmikroskops beim Landeskriminalamt Magdeburg konnte das Stück als Leinen identifiziert werden.29

Die geringen Textilfunde und zahlreichen Messingapplikationen deuten darauf, dass Gewänder verbrannt und auf den Abfall geworfen worden. In diesem Zusammenhang sind Berichte von Interesse, laut denen zwei Brüder Luthers bei einem Besuch 1505 oder 1506 an der Pest gestorben sind. Üblich war es die Kleidung zu verbrennen um eine Ausbreitung und eigene Ansteckung der Pest zu verhindern. Bisher sind die Quellen jedoch noch nicht auf Authentizität geprüft worden.30

Weitere Funde des Lutherhauses werden in den Bereichen „alltägliches Leben“ sowie „Arbeitsleben“ eingeordnet. Zu nennen sind ein vollständig erhaltener Spinnwirtel, ein Bestandteil einer Handspindel, der Schaft einer Nähnadel mit dem Ansatz eines Öhres und einen Fingerhut aus Messingblech.31 Einer der Funde, die erst nach der Restaurierung identifiziert werden konnten, erwies sich als Fragment einer Schere. Die Frage ob Nähnadel und Fingerhut zum Schneidern von Textilien oder nur zur Reparatur und Änderung an professionell gefertigten Kleidungsstücken dienten, lässt sich aus den Funden selbst nicht ablesen. Allein der Spinnwirtel belegt einen tatsächlichen Herstellungsschritt von Textilien vor Ort.32

Ein weiterer, nicht unerheblicher Bereich des alltäglichen Lebens, gerade bei Kindern und Heranwachsenden bildet Spaß und Spiel. So lässt sich gelegentlich auch das Kinderspiel mittels archäologischer Quellen nachweisen. Unter den Funden befanden sich sieben Tonmurmeln als auch Knochen eines Kegelspieles. Hierbei handelt es sich um Zehenknochen eines Rindes mit einem Loch zur Befüllung und Erschwerung mit Blei. 33 Eine in zwei Fragmenten vorliegende Tonfigurine in Form eines Vogels ist ebenfalls dem Bereich des Spiels zu zuordnen. Füllt man den Pfeifvogel mit Wasser erzeugt dieser trillernde Töne.

Drei Lockpfeifen aus Gänseknochen, die dem Anlocken zu fangender Vögel dienten, bezeugen den Vogelfang bei den Luthers. Vermutlich aber diente dies nicht primär dem Nahrungserwerb, sondern ist in erster Linie als eine Art Hobby zu verstehen.34

Ein weiterer Komplex ist in der Kategorie „Küche und Tafel“ einzuordnen, wobei keramische Gegenstände den Großteil des Materials ausmachen.

Anzuführen sind Fragmente von Dreibeintöpfen, Kugeltöpfen, Schüsseln, Schalen, Krügen, Bechern, Kannen, Deckel, Teller, Dreibeinpfannen, Bräter und Flaschen. Töpfe und Pfannen besitzen überwiegend kleines bis mittleres Format und dürften nur kleinere Kochmengen fassen. Für die Hauptmahlzeit müssten große Dreibeintöpfe aus Metall vorhanden gewesen sein. In etwa lassen sich aus den einigen Tausend Keramikfragmenten etwa 200 bis 300, teils unvollständige, Gefäße rekonstruieren.35

Während in der frühen Neuzeit noch alltägliches Trinkgeschirr aus tönernen und hölzernen Bechern bestanden haben dürfte, bezeugte der Besitz von gläsernen Geschirr ein gewisses Maß an Wohlstand. Solche Scherben von Glasgefäßen, zum Beispiel von so genannten Nuppenbechern, sind unter der Fundmaterial.36

Weiter sind 21 Teile von Messern ausgesondert werden, darunter Griffschalen aus Holz und Knochen, teilweise mit Messingbeschlägen versehen, sowie eiserne Klinge. Grundsätzlich werden Messer unterschieden in Messer spezialisierter Handwerker, einfache Gebrauchsmesser, Tafelmesser und letztlich Waffen.37 Das Messer, galt neben dem Löffel, als wichtigstes „Werkzeug“ bei Tisch, mit dem Speisen zerlegt, aufgespießt und zum Mund geführt wurden.38 Sowohl im Mittelalter als auch in der frühen Neuzeit war die Nutzung einer Gabel bei Tisch selten.

Von hohem kulturhistorischem Aussagewert ist ein kleiner und auf den ersten Blick recht unscheinbarer Fund. Das ist ein tönernes Fragment eines so genannten „Aachenhorns“.39

Die ältesten dieser Art werden um 1000 n. Chr. datiert, jedoch stammen die meisten Exemplare aus dem 15. und 16. Jahrhundert.40 Verwendung fanden diese Stücke bei der katholischen Aachenwallfahrt.

Eine das Sediment durchziehende Holzasche konnte in Zusammenhang mit zahlreichen

Abfällen und Holzkohlestücken leicht als Reste des Küchenfeuers identifiziert werden.41

Darin befanden sich Kupferschlackebruchstücke, die vermutlich in glühendem Zustand der Erhitzung des Badewassers dienten. Dieser Vorgang ist mehrmals in der Literatur erwähnt worden.42

Mit weit über 1500 Exemplaren stellten die gefundenen Eisennägel, auch in der Holzasche vertreten, eine der zahlenmäßig umfangreichsten Fundgruppen dar, die zeigen darauf, dass auch altes Bauholz und Teile von Mobiliar in der Küche verfeuert wurden sind.43

Insgesamt geben die Kleinfunde nur wenig Aufschluss über Aussehen und Ausstattung des Lutherischen Hauses, jedoch zeugen entsprechende Kacheln von dem Vorhandensein mindestens eines Kachelofens. Zudem wurde eine kreisrunde Butzenscheibe aufgefunden.

Zum Teil bunte Glasscherben weisen an den Rändern „Abdrücke“ von Bleiruten auf und haben somit wohl auch der Verglasung von Fenstern gedient. Wie bereits die Trinkgefäße aus Glas galt ebenso die Verglasung der Fenster als Luxus, der um 1500 wohl eher einem kleinen Teil der Bevölkerung vorbehalten war.44

Vereinzelte Funde sind bis heute trotz intensiver Recherche noch nicht endgültig eingeordnet. Anzunehmen ist, das sie möglicherweise dem Bereich des Berg- und Hüttenwesens zu gehörig sind.45 Zu nennen sind zwei eiserne Verbindungsstücke, die vielleicht Bestandteile eines Wagens oder Achsstücke einer Wasserkunst bzw. einer anderen Mechanik inner- und außerhalb eines Bergwerkes darstellen. In diesem Zusammenhang ist ein eher selten anzutreffender eiserner Spatenschuh an zuführen, der die „Scheide“ eines ansonsten hölzernen Spatens bildete.46

Mit mehreren Tausend Stücken sind die Tierknochen die am stärksten vertretene Fundkategorie dieser Grabung. Da der Großteil der Knochen in fragmentiertem Zustand vorliegen, wird davon ausgegangen, dass diese absichtlich zerschlagen worden sind. Diese Tatsache zufolge werden die Knochenfragmente dem Küchenabfall zugeordnet.

Von den Säugetierknochen und -zähnen konnten mehr als die Hälfte dem Schwein und der übrige Teil dem Schaf und Rind zugeordnet werden. Auch dies wiederum deutet in jener Zeit auf einen gehobenen Hausstand hin.47 Überraschung boten die vielen Vogelknochen, vor allem von Gänsen und Hühnern, die wohl am Haus gehalten worden sind. Auch größere Mengen von Eierschalenfragmenten sind im Fundmaterial nachweisbar.48

Neben den Hausgeflügel sind Singvogelarten wie Singdrossel, Dorngrassmücke, Rotkehlchen, Buchfink und Goldammer nachgewiesen worden.

Es ist davon auszugehen, dass all diese Kleinvögel gefangen wurden, jedoch nicht der Vogelhaltung dienten, sondern verspeist wurden. Neben Geflügel speisten die Luther regelmäßig Fisch, vor allem Hering. Dessen hoher Anteil unter den Fischknochen erstaunt, wenn man bedenkt, dass zu damaligen Zeit Seefische recht billig waren.

Vermutlich waren die Gründe für diesen Kauf eher kulinarischer als wirtschaftlicher Natur. 49

Auch im Falle der Pflanzenreste, wie Holzkohle, Samen und Früchte erwies sich das Sieben des Sediments als hervorragende Idee. Vorwiegend sind Roggen sowie wenig Nacktweizen und Gerste unter den Getreidepflanzen zu finden. Da sich im Fundgut auch Ährenspindelglieder finden, kann davon ausgegangen werden, dass auf dem Lutherschen Anwesen selbst oder im nahen Umfeld gedroschen wurde. Das Erntegut wurde noch in ungereinigtem Zustand in das Haus oder den Hof transportiert.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich bei dem Haushalt der Luders um einen Bürgerhaushalt handelt, der teilweise eine bäuerliche Selbstversorgung betrieb, was durchaus auch in bürgerlichen Familien üblich war.50

Auch für den Haushalt von Martin Luther und seiner Frau Katharina von Bora in Wittenberg konnte vergleichbares nachgewiesen werden. So heißt es im Tagebuch über Luther bei Cordatus „sie baute Getreide, buk Brot und braute das Bier für den großen Haushalt“.

Interessant sind die Nachweise von Feigen. Da die Feige als Importpflanze gilt sind die Funde ein weiterer Beweis für einen gehobenem Lebensstandard der Familie Hans Luders.51

5. Zusammenfassung

Alle mit archäologischen Methoden zu erhebenden Parameter, wie die Lokalität, der Befund und die Datierung, sprechen dafür, dass es sich bei den Funden aus Mansfeld tatsächlich um Hinterlassenschaften der Familie Luthers handelt. Durch die historischen und baugeschichtlichen Untersuchungen werden diese Faktoren unterstützt.

Das Fundmaterial weist wesentliche Bestandteile aus Küchenabfall, Resten des Küchenfeuers sowie metallenen Trachtbestandteilen und Münzen auf. Bei Letzterem handelt es sich um Gegenstände, die bei ihrer Entsorgung noch einen gewissen Wert besaßen und unter „normalen“ Umständen eigentlich nicht auf den Abfall gelangt wären.

Folglich kann eine solche Fundkonzentration von Hunderten Münzen und Buntmetallfunden im Grunde nur mit einem einmaligen „Entsorgungsszenario“ in Zusammenhang gebracht werden. In diesem Zusammen müssen schriftliche Quellen herangezogen werden, da die Aussagemöglichkeiten der archäologischen Untersuchungen weitgehend erschöpft sind.

Die Spangenbergschen Chronik bezeugt, wie verheerend die Pest in den Jahren um 1500 in der Grafschaft Mansfeld wütete, ebenso ist auch bekannt, dass im Jahr 1505/1506 im Hause Luder zwei Söhne an der Pest gestorben sein sollen.

Nahe liegend, ist dass hier das kontaminierte Interieur eines Sterbezimmers beseitigt worden ist.

Fußnoten:

1 Kahn, 1999/2000, 5.

2 Schlecker, 2007, 17.

3 Wagenbreth/Steiner, 1982, 79.

4 Schlenker, 2008, 92.

5 Balfanz, 2005

6 Schlenker, 2007, 21.

7 Stahl, 2007, 122.

8 Schlenker, 2007, 21.

9 Schlenker, 2007, 22.

10 Schlenker, 2007, 24.

11 Schlenker, 2007, 25.

12 Schlenker, 2007, 28.

13 Schlenker, 2007, 31.

14 Schlenker, 2007, 32.

15 Schlenker, 2007, 33.

16 Schlenker, 2007, 34.

17 Schlenker, 2007, 35.

18 Schlenker, 2007, 45.

19 Schlenker, 2007, 47.

20 Schlenker, 2007, 48.

21 Schlenker, 2007, 49.

22 Schlenker, 2007, 53.

23 Krabath, 2001, 193.

24 Schlenker, 2007, 57.

25 Schlenker, 2007, 61.

26 Schlenker, 2007, 62.

27 Röhrer- Ertel, 2007, 65 f.

28 Schlenker, 2007, 67.

29 Hertel, 2007, 68 f.

30 Schlenker, 2008, 97., Führung von Mirko Gutjahr durch die Sonderausstellung „Fundsache Luther“ des Landesmuseum für Archäologie, März 2009, Halle/ Saale.

31 Schlenker, 2007, 70 f.

32 Schlenker, 2007, 72.

33 Schlenker, 2007, 74 ff., Führung von Mirko Gutjahr durch die Sonderausstellung „Fundsache Luther“ des Landesmuseum für Archäologie, März 2009, Halle/ Saale.

34 Schlenker, 2007, 77 ff., Führung von Mirko Gutjahr.

35 Schlenker, 2007, 82., Führung von Mirko Gutjahr.

36 Schlenker, 2007, 83., Führung von Mirko Gutjahr.

37 Holtmann, 1993, 538 f.

38 Schlenker, 2007,85.

39 Schlenker, 2007,96.

40 Haasis- Berner, 1994, 19.

41 Schlenker, 2007,92., Führung Von Mirko Gutjahr.

42 Mirsch, 2003, 96 ff.

43 Schlenker, 2007,94.

44 Schlenker, 2007,100 ff

45 Schlenker, 2007,103.

46 Schlenker, 2007,108.

47 Döhle, 2007, 169 f.

48 Döhle, 2007, 173 f.

49 Döhle, 2007, 182 f.

50 Hellmund, 2007, 187 ff.

51 Hellmund, 2007, 192 ff.

Abbildungen:

IMAGE0001

Luftaufnahme der nördl. Innenstadt von "Thalmansfeld". Familie Luder residierte seit Ende des 15. Jh., bis die Erben Jakob Luthers das große Anwesen 1578 verkaufen mussten. (Stahl, Schlenker, 2008, 120.)

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Längsschnitt der bestehenden Gebäudeteile. Während der obertägige Mitteltrakt zu Beginn des 19. Jh. abgerisse wurde, sind die beiden Häuser unterirdisch immer noch durch einen Kellergang verbunden. (Stahl, Schlenker, 2008, 123.)

IMAGE0006

Spangenberg- Chronik (Handschrift auf Papier, 1547-1572) (Katalog Fundsache Luhter, 2008, 163.)


Alexandra Südekum, Halle/Saale, 2009.

  1. #1 von as am 27. Juni 2009 - 17:43

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(wird nicht veröffentlicht)