Die Frühbronzezeit im Harzvorland

Die Vorgeschichte Mitteleuropas gliedert sich in drei große Phasen, die nach den dominierenden Werkstoffen der materiellen Kultur benannt wurden. Dabei wird das Dreiperiodensystem von Thomsen (1837) zitiert. Er erkannte die Abfolge von Stein, Bronze und Eisen in ihrem Auftreten in der menschlichen Geschichte und beschrieb diese erstmals.

Der Abschnitt der menschlichen Geschichte, die als Bronzezeit bezeichnet wurde, umschreibt in Mitteleuropa den Zeitraum von etwa 2300-800 v. Chr. Sie untergliedert sich in eine frühe (Frühbronzezeit, 2300-1600 v. Chr.), mittlere (Mittelbronzezeit, 1600-1300 v. Chr.) und späte (Spätbronzezeit, 1300-800 v. Chr.) Phase. Diese unterscheiden sich sowohl in ihrer materiellen Kultur als auch in den Bestattungssitten erheblich voneinander.

Die dominierende Kulturerscheinung in der mitteleuropäischen Frühbronzezeit ist die Aunjetitzer Kultur. Sie wurde nach dem Fundplatz eines Gräberfeldes nordwestlich von Prag benannt. Dieses wurde schon 1879/80 von Ryzner ausgegraben; der besondere Verdienst Ryzners lag allerdings in der schnellen Publikation seiner Ergebnisse. Wir wissen heute, dass diese archäologische Kultur aus der endneolitischen Glockenbecher- und Schnurkeramikkultur hervorgegangen ist und zu Beginn der Mittelbronzezeit durch die Hügelgräberkultur abgelöst wird.

Sprechen Archäologen von Kulturen, so meinen sie damit in der Regel etwas anderes als der Rest der Bevölkerung. Der Kulturbegriff charakterisiert sich heute durch mehrere Parameter, wie etwa gemeinsame Sprache, Verhaltensnormen oder Glaubensvorstellungen. Archäologen verstehen unter Kultur die Gesamtheit aller geistigen und materiellen Lebensäußerungen einer bestimmten Humanpopulation. Dabei tritt ein wesentlichen Problem auf: Der archäologische Kulturbegriff stützt sich dabei immer auf die Hinterlassenschaften, sprich: auf die materielle Kultur – dabei ist zu beachten, dass das Fundsubstrat einer Gesellschaft immer nur aus den erhaltenen und bekannten Funden und Befunden besteht. Somit sind Rückschlüsse auf das Gesamtbild fast immer mehr oder weniger von Interpretationen abhängig. Archäologische Kulturen sind somit künstlich geschaffene Ordnungseinheiten mit dem Versuch, zeitliche und räumliche Begrenzungen bestimmter Formen materieller Kultur zu erfassen.

Zur zeitlichen oder chronologischen Einordnung stehen relative und absolute Methoden zur Verfügung. Relativchronologische Verfahren stützen sich auf die zeitliche Einordnung von Objekten gleicher Formengruppen untereinander. So können Objekte in eine zeitliche Reihenfolge gebracht werden, ohne dass diese Objekte genau datiert werden. Ein Beispiel aus dem Leben: Es bereitet den meisten Menschen heutzutage keinerlei Probleme, fünf beliebige Kraftfahrzeuge auf einem Parkplatz in eine zeitliche Abfolge der Herstellungsphasen zu bringen, die wenigsten können aber von diesen Fahrzeugen den jeweils exakten Tag der Herstellung benennen. Diese Daten fallen in den Bereich der absoluten Chronologie. Verfahren zur absoluten Datierung von vorgeschichtlichen Funden stützen sich auf naturwissenschaftliche Verfahren wie etwa die C14-Methode oder Dendrochronologie. —

Sprechen wir Archäologen also von der Aunjetitzer Kultur, so meinen wir damit eigentlich einen Formenkreis oder eine Sachgütergemeinschaft; definiert über vorwiegend keramische, aber auch metallene Leitformen. Für die Aunjetitzer Kultur eignen sich besonders Tassen. In der Frühphase kommen gerundete, teilweise kugelbauchige Formen vor, die mit der Zeit immer kantiger werden; die Entwicklung endet schliesslich in einer Ausprägung, die als „klassische Aunjetitzer Tasse“ bezeichnet wird. Charakteristisch für diese ist der scharfkantige Knick zwischen Ober- und Unterteil. In der Circumharzer Gruppe finden sich relativ gleichförmige Tassen, die eher breit als hoch erscheinen, kaum Verzierungen tragen sowie im Gefäßoberteil spulenartig wirken.

In der klassischen und späten Aunjetitzer Kultur kommen verschiedene metallene Leitformen vor. Es handelt sich dabei um Nadeln, Randleistenbeile, Stabdolche, Dolche vom Aunjetitzer Typ, Meissel, Armbänder sowie Armstulpen, verschiedene Ringformen und auch Schwerter.

 

Circumharzer Gruppe

Bestattungen innerhalb der Aunjetitzer Kultur

 

Allgemeines

Die Verstorbenen wurden in der Regel in Flachgräbern bestattet. Dabei handelt es sich um Körperbestattungen; die Toten wurden auf der rechten Körperseite liegend in Hockstellung, d.h. mit angewinkelten Beinen, bestattet. Dabei befand sich der Kopf im Süden, was zur Folge hatte, dass der Verstorbenen gen Osten, in Richtung der aufgehenden Sonne, blickte.

Die Ausstattung der Gräber folgt einem Muster, welches eine stark hierarchisierte Gesellschaft widerspiegelt. Die Mehrzahl der Gräber erscheinen beigabenlos oder enthalten einzelne Gefäße; einige wenige Gräber, die sogenannten „Fürstengräber“, zeigen eine reiche Überausstattung mit Objekten aus Gold, Bronze, Stein sowie aus organischen Materialien. Die Anzahl und Art der Beigaben ist somit ein Anzeiger für die gesellschaftliche Position des Bestatteten zu seinen Lebzeiten. Zwischen diesen beiden extremen Formen der Grabausstattungen kommen solche mit Beigaben aus Bronze und/oder Gold vor, die das hohe Ausstattungsniveau der „Fürstengräber“ nicht erreichen, die sich aber deutlich aus der Masse der Bestattungen herausheben. Als Beispiele lassen sich hier aufführen:

–          die Bestattung von Goseck, Fundplatz VI (Gräberfeld „Kuhtanz“), Grab 1: zwei offene gerippte Armstulpen, zwei Ösenkopfnadeln, ein goldener Noppenring sowie Reste eines Gefäßes

–          eine Bestattung von Osmünde (gestört): zwei goldene Noppenringe sowie ein Randleistenbeil

–          eine Bestattung von Oberwerschen: zwei Kreuzbalkennadeln, zwei Arbeitsgeräte (darunter ein Pfriem) sowie ein goldener Ring sowie Reste eines Gefäßes (die Arbeitsgeräte deuten auf das Grab eines Handwerkers hin).

Die Gruppe der „Fürstengräber“ verdient aufgrund ihrer besonderen Architektur und Grabinventare besondere Aufmerksamkeit. Die bekannten Fürstengräber in der Circumharzer Gruppe sind die beiden Hügel von Leubingen und Helmsdorf. Der Hügel von Leubingen, 1877 von Klopfleisch ausgegraben, hat einen Durchmesser von rund 34 Metern bei einer rezenten Höhe von über acht Metern. Im Zentrum des Hügels fand Klopfleisch eine von Steinlagen überdeckte hölzerne zeltförmige Grabkammer. Der Hügel von Helmsdorf zeigt sich in seinem Befund überraschend ähnlich. Beide Gräber zeigen eine reiche Überausstattung (neolithische Steingeräte, bronzene Waffen und Werkzeuge sowie goldene Prestigegeräte sowie Schmuck). Das Leubinger Grab datiert um 1942 v. Chr., jenes aus Helmsdorf um 1840 v. Chr. Der Goldfund von Dieskau zeigt überraschende Ähnlichkeit mit den goldenen Inventaren der Fürstengräber und zeigt uns vermutlich ebenfalls den Rest eines Grabinventares, es könnte sich allerdings auch um ein Hortensemble handeln. Der Fund von Dieskau datiert etwa in die Zeit um 1800 v. Chr. (goldenes Beil Typ Lanquaid).

 

Beispiel: Die Gräber im Bereich der B6n-Trasse in Höhe von Benzingerode

Die Grabungen im Bereich der B6n-Trasse in der Höhe von Benzingerode lieferten umfangreiche Befunde, von denen einige in die Frühbronzezeit eingeordnet werden konnten. Es handelte sich dabei um vier Gräbergruppen, Siedlungsgruben sowie um einen Hausgrundriss. Nachweise für Siedlungen der Circumharzer Gruppe waren bisher im nördlichen Harzvorland eher selten; Hinterlassenschaften der Frühbronzezeit fanden sich hier bisher in Form von Gräbern und Gräberfeldern (z.B. Halberstadt und Klein Quenstedt).

Das Gräberfeld von Benzingerode zeigt verschiedene Grabformen auf, die vom einfachen Flachgrab bis hin zu aufwendigen Steinkammern reichen. Die Toten wurden zumeist regelhaft in gehockter seitlicher Lage in Süd-Nord-Stellung bestattet. An den unterschiedlichen Grabbauten lässt sich unter zur Hilfenahme der geborgenen Keramik eine zeitliche Abfolge der Bestattungen festlegen. Dabei datieren die Gräber der Grabgruppe I von der frühen klassischen Aunjetitzer Kultur bis in die beginnende mittlere Bronzezeit, wobei die Keramikausstattung der älteren Gräber eher unterdurchschnittlich erscheint und zu erwartende Funde wie Knochennadeln, Lanzenspitzen, Dolche, Beile aus Feuerstein, Spinnwirtel oder Tierknochen komplett fehlen. Die Gräber der klassischen und späten Aunjetitzer Kultur erscheinen als typische Steinbauten und enthielten Keramik überwiegend in Form von grober Siedlungsware; wichtiger erscheinen allerdings die vorhandenen Grabinventarbestandteile aus Bronze. Durch die Art und Anzahl der Beigaben ist eine soziale Differenzierung der bestatteten Personen möglich.

 

Siedlungen

Siedlungsnachweise innerhalb der Circumharzer Kultur erscheinen eher schwierig. So lassen sich Siedlungsplätze meist nur sekundär durch Abfallgruben nachweisen. Der Nachweis von festen Bauten gelingt durch Pfostenlöcher, wenn sich diese in der Grabung abzeichnen.

In den letzten Jahren gelangen allerdings einige bedeutende Funde in Zwenkau, Benzingerode, Salzmünde, Pömmelte und Wermsdorf.

 

Beispiel: Das Haus von Benzingerode

Bei diesem Fund handelt es sich um ein West-Ost orientiertes Langhaus mit 34,7m Länge sowie 6,5m Breite. Dies ergibt eine Fläche von etwa 220qm. Die Außenwände bestanden aus etwa 100 dicht aneinander gesetzten Pfosten. Die längsseitigen Außenwände des Hauses sowie die beiden Gebäudeabschlüsse wurden durch dicht gesetzte Pfosten gebildet, wobei die Wandpfosten fast regelmäßig gegenüberliegend angeordnet sind. Der Südöstliche Gebäudeabschluss erscheint gerade, während jener im Nordwesten fast absidial (halbrund) ausgeführt ist. Eine Unterteilung des Hauses sowie Feuerstellen konnten aufgrund von Erosion nicht nachgewiesen werden.

Die Datierung erwies sich zuerst als sehr schwierig, da aussagekräftige Funde aus dem Gebäudeinneren als auch aus den Verfüllungen der Pfostengruben fehlten. Es fand sich lediglich eine Randscherbe eines tonnenförmigen Vorratsgefäßes der Aunjetitzer Kultur. Im nordwestlichen Wandbereich des Hauses fand sich jedoch eine Bestattung, die der Glockenbecherkultur (2500-2200 v. Chr.) zugeordnet werden konnte – das Haus musste somit jünger sein.

 

Horte

Unter einem (geschlossenen) Hort versteht der Archäologe mindestens zwei Gegenstände, die durch menschliches Verhalten an ihren Ort gelangt sind, nicht in einem Siedlungs- oder Bestattungskontext stehen und einen geschlossenen Fund bilden, d.h. dass dieser Fund seit seiner Verbergung nicht wieder geborgen bzw. verändert wurde.

Zwei Möglichkeiten der Erklärung erscheinen sinnvoll; zum einen können Gegenstände aus profanen Gründen „gehortet“ werden (z. Bsp. Während unruhiger Zeiten als „Schatzdeponierung“) oder sie werden in einem sakralen Kontext deponiert, also geopfert.

Als Deponierungsorte wurden zumeist besondere Plätze gewählt wie etwa Morre, Seen oder besondere Landschaftsmarken (welche heute natürlich nicht mehr vorhanden sein müssen). Dabei können Bronzen in einem Gefäß niedergelegt worden. Zum Teil kann aber auch Keramik selbst deponiert worden sein, so finden sich z. Bsp. In Niederösterreich Deponierungen von vollständigen Services.

In der Circumharzer Gruppe herrscht ein besonders hohes Hortvorkommen. Besonders die Region um Dieskau lieferte mehrere große Depots mit mehr als 60kg Bronze. Ursächlich hierfür ist sicherlich die besondere Lage an einem Knotenpunkt mehrerer Handelswege sowohl das Vorkommen von Salz, welches diese Region zu seiner Position als mächtiges politisches sowie religiöses Zentrum verhalf.

Aus der Umgebung des Harzes kennen wir heute mehr als 30 bekannte Horte, so z. Bsp. Halberstadt-Spiegelberge, Hoym, Börnecke, Naumburg und die wohl mittlerweile bekannteste Deponierung aus Nebra, zu der u. a. die Himmelsscheibe gehört.

 

Weiterführende Literatur:

 

Bauer 2005

J. Bauer, Ein Hausgrundriss der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur. In: H. Meller (Hrsg), Quer-Schnitt. Ausgrabungen an der B6n Benzingerode – Heimburg. Arch. in Sachsen-Anhalt, Sonderb. 2 (Halle/Saale 2005).

Berthold/Müller/Selent 2005

B. Berthold, U. Müller, A. Selent, Siedlungen und Gräbergruppen der frühen und späten Bronzezeit. In: H. Meller (Hrsg), Quer-Schnitt. Ausgrabungen an der B6n Benzingerode – Heimburg. Arch. in Sachsen-Anhalt, Sonderb. 2 (Halle/Saale 2005).

von Brunn 1959

W.A. von Brunn, Die Hortfunde der frühen Bronzezeit aus Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Dt. Akad. Wiss. Berlin, Schr. Sektion für Vor- u. Frühgesch. 7 (Berlin 1959)

Deffner/Pape/Selent 2006

A. Deffner, J. Pape, A. Selent, Aunjetitzer Grabanlagen und Siedlungsreste auf den Fundstellen VII und VIII. In: H. Meller (Hrsg), Archäologie XXL. Archäologie an der B6n im Landkreis Quedlinburg. Arch. in Sachsen-Anhalt, Sonderb. 4 (Halle/Saale 2006), 125-129.

Förtsch 1902

O. Förtsch, Bronzezeitliche Gräber von Goseck. Jahresschr. Halle 1, 1902, 62-74.

Genz/Schwarz 2004

H. Genz, R. Schwarz, Von Häuptlingen und anderen Oberhäuptern – Reich ausgestattete Gräber in der Frühbronzezeit. In: H. Meller (Hrsg), Der geschmiedete Himmel – Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren. Begleitband zur Sonderausstellung des Landesmuseums für Vor- und Frühgeschichte Halle (Stuttgart 2004), 162-165.

Innerhofer 2004

F. Innerhofer, Ring und Beil – Barrendepots der Frühbronzezeit. In: H. Meller (Hrsg), Der geschmiedete Himmel – Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren. Begleitband zur Sonderausstellung des Landesmuseums für Vor- und Frühgeschichte Halle (Stuttgart 2004), 98-99.

Jahn 1950

M. Jahn, Ein kultureller Mittelpunkt bei Halle/Saale während der frühen Bronzezeit. Jahresschr. Mitteldt. Vorgesch. 34, 1950, 81-89.

Muhl 2004

A. Muhl, Gesegnetes Land – Der Großraum Dieskau im frühbronzezeitlichen Fundmosaik. In: H. Meller (Hrsg), Der geschmiedete Himmel – Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren. Begleitband zur Sonderausstellung des Landesmuseums für Vor- und Frühgeschichte Halle (Stuttgart 2004), 100-103.

Selent 2006

A. Selent, Ein seltenes frühbronzezeitliches Pithosgrab und weitere Gräber der Aunjetitzer Kultur. In: H. Meller (Hrsg), Archäologie XXL. Archäologie an der B6n im Landkreis Quedlinburg. Arch. in Sachsen-Anhalt, Sonderb. 4 (Halle/Saale 2006), 121-124.

Selent 2006

A. Selent, Frühbronzezeitliche Siedlungsbefunde und Gräber auf der Fundstelle XII. In: H. Meller (Hrsg), Archäologie XXL. Archäologie an der B6n im Landkreis Quedlinburg. Arch. in Sachsen-Anhalt, Sonderb. 4 (Halle/Saale 2006), 131-134.

Schmidt/Nitzschke 1980

B. Schmidt, W. Nitzschke, Ein frühbronzezeitlicher „Fürstenhügel“ bei Dieskau im Saalkreis. Vorbericht. Ausgr. u. Funde 25, 1980, 179-183.

Zich 1996

B. Zich, Studien zur regionalen und chronologischen Gliederung der nördlichen Aunjetitzer Kultur. Vorgesch. Forsch. 20 (Berlin, New York 1996).

Zich 2004

B. Zich, Die Fürstengräber von Leubingen und Helmsdorf. In: H. Meller (Hrsg), Der geschmiedete Himmel – Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren. Begleitband zur Sonderausstellung des Landesmuseums für Vor- und Frühgeschichte Halle (Stuttgart 2004), 156-159.

  1. Bisher keine Kommentare.
(wird nicht veröffentlicht)