Neues im Fach …


… Eine neue Studie zeigt den den Einfluss jungsteinzeitlicher Wanderungsbewegungen auf die indoeuropäischen Sprachen.

Was haben Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Griechisch, Iranisch und Russisch gemein? Sie sind Teil der 445 Sprachen umfassenden indoeuropäischen Sprachfamilie. Zwar sind die Ähnlichkeiten der in Eurasien geläufigen Sprachen seit 200 Jahren bekannt, doch die Fragen zur Herkunft und Ausbreitung konnten noch nicht geklärt werden.

In der gestrigen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Nature“ wird über eine Studie berichtet, in der sich ein internationales Forschungsteam dieser Frage annimmt. Das Team unter Leitung der Harvard Medical School in Boston, USA, und des Australian Centre for Ancient DNA der Universität Adelaide fand Hinweise auf massive Wanderungsbewegungen aus den eurasischen Steppengebieten vor ca. 4.500 Jahren, die zumindest einen deutlichen Einfluss auf die Verbreitung einiger indoeuropäischer Sprachgruppen gehabt haben muss.
Die neue Studie steht damit teilweise im Widerspruch zu einer der populärsten Thesen über den Ursprung der indoeuropäischen Sprachen, die besagt, dass der Urahn dieser Sprachen mit den frühen Bauern vor mehr als 9.000 Jahren aus dem Nahen Osten nach Europa kam.

Dank der Fortschritte in der DNA-Forschung konnten gleichzeitig die Genome Dutzender Individuen getestet werden. Professor David Reich von der Harvard Medical School, dem Broad Institute und dem Howard Hughes Medical Institute: „Wir haben eine neue Technik entwickelt, die es uns erlaubt, die Teile des Genoms zu isolieren, welche die meisten Informationen über die Menschheitsgeschichte enthalten und haben nur diese Abschnitte sequenziert.“
Zusammengestellt wurden die Proben von einem internationalen Team unter maßgeblicher Beteiligung der Universitäten Mainz, Basel und Tübingen, dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt mit Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle sowie dem neuen Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena zusammengestellt. Über die Hälfte der Proben stammt aus Sachsen- Anhalt, wo beim Bau einer ICE-Trasse und von Bundesstraßen wertvolle Neufunde gemacht wurden, deren genetische Analyse durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziell unterstützt wurde.

Im Zuge der Untersuchung von 90 Individuen, die zwischen 6000 bis 1000 v. Chr. in Europa lebten, konnten zwei wesentliche Bevölkerungsumbrüche nachgewiesen werden. Der erste Umbruch geht auf die Ausbreitung der frühen Bauern über ganz Europa zurück. Diese zogen vor mehr als 9.000 Jahren aus dem Nahen Osten nach Westen und wurden bereits vor rund 7.500 Jahren in Mittel- und Westeuropa sesshaft. Diese Bevölkerungsgruppe unterscheidet sich genetisch deutlich von den damals in Europa lebenden Jägern und Sammlern. Archäologisch wurden bisher zwei unterschiedliche Wanderungsrouten der Bauern beschrieben, welche im Wesentlichen auf Unterschieden im materiellen Fundgut, z. B. Keramiken, aus dem Mittelmeerraum und dem mittel- und nordeuropäischen Raum beruhen. „Die genetischen Daten bestätigen dies jedoch nicht“, sagt Erstautor Dr. Wolfgang Haak von der Universität Adelaide. „Die frühen Bauern aus Spanien, Deutschland und Ungarn sind genetisch nahezu identisch, was auf einen gemeinsamen Ursprung im Nahen Osten schließen lässt.“ Die „Jäger-Sammler-Bevölkerung“ ist jedoch nicht komplett verschwunden. „Um 6.000 bis 5.000 Jahren vor heute sehen wir einen Wiederanstieg des Jäger-Sammler-Anteils im Genom”, sagt Co-Erstautor Dr. Iosif Lazaridis von der Harvard
Medical School. „Das bedeutet, dass Jäger-Sammler-Gesellschaften noch bis lange nach Ankunft der Bauern bestanden haben müssen.“ „Es zeigt aber auch, dass Jäger-Sammler nach und nach in bäuerliche Gemeinschaften integriert wurden“, fügt Autor Professor Kurt Alt von der Universität Basel und der Privatuniversität Krems hinzu.

Der Europäer – er besteht aus drei wesentlichen Bestandteilen: genetischen Anteilen von Jäger-Sammler-Populationen, ersten Ackerbauern und Viehzüchtern und einer Komponente mit Ähnlichkeit zu Sibiriern und sogar den ersten Indianern Amerikas. Die Auswertung des Erbgutes der frühen Bauern hatte gezeigt, dass dieser dritte Anteil zu dieser Zeit noch nicht in Europa vorhanden war und daher erst später hinzugekommen sein musste. Doch wann und wie kam der dritte Part hinzu???

„Es war ein echtes Aha-Erlebnis, als wir die ersten Daten ansahen”, schwärmt Lazaridis. „Der dritte Anteil war in jedem Individuum zu sehen, das jünger als 4.500 Jahre war, und in keiner der älteren Proben aus Mitteleuropa.” Haak geht sogar noch weiter: „Das Signal ist so stark, dass man fast von einer genetischen Datierung sprechen könnte, basierend auf dem Vorkommen von ein, zwei oder allen drei Komponenten.“ Tatsächlich fanden sich unter den Proben auch einige Ausreißer, die bisher archäologisch allein aufgrund ihrer Ausrichtung als älter eingestuft wurden, allerdings die dritte Komponente aufwiesen. Zur Klärung des Alters dieser beigabenlosen Bestattungen wurden 14C-Datierungen in Auftrag gegeben. „Die auffälligen Übereinstimmungen in den materiellen Hinterlassenschaften der Schnurkeramik- und der Yamnaya-Kultur waren bereits bekannt. Diese enge Verbindung konnte nun auch naturwissenschaftlich belegt werden.“,
ergänzt Professor Harald Meller, Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle (Saale).

„In Deutschland sind es die sogenannten Schnurkeramiker am Übergang zwischen Jungsteinzeit und Bronzezeit, bei welchen erstmals die dritte Komponente auftaucht und deren genetisches Material damit einen zweiten Bevölkerungsumbruch markiert. Und zwar mit lautem ‚Hallo!’“, sagt Haak. „Basierend auf einem direkten Vergleich mit Individuen der Yamnaya-Kultur, Viehhirten aus den eurasischen Steppengebieten, konnten wir den genetischen Steppenanteil in den Schnurkeramikern aus Sachsen-Anhalt auf beträchtliche 75 Prozent errechnen,” sagt Lazaridis, und fügt hinzu, „dass sich die Schnurkeramiker und die Yamnaya-Population trotz geographischer Distanz von 2.600 km erstaunlich ähnlich sehen.“

Die Gretchenfrage lautet: hatten diese Wanderungen, diese Expansion auch Einfluss auf die Verbreitung der Sprachen? „Die Ergebnisse legen nahe, dass die Schnurkeramiker nicht nur genetisch
eng mit den Hirten aus der Steppe verwandt sind, sondern möglicherweise auch eine ähnliche Sprache hatten”, sagt Lazaridis. „Da sämtliche Mittel- und Nordeuropäer heutzutage einen hohen genetischen Anteil der damaligen Steppenbewohner in sich tragen und zudem eine indoeuropäische Sprache sprechen, ist zumindest ein deutlicher Beitrag der Steppe nicht ausschließen”, bemerkt Haak. Linguisten zu Folge schreitet die Sprachentwicklung schneller voran als die der Gene und nach deren Ansicht ist eine Verbreitung der indoeuropäischen Sprache mit den ersten Bauern daher einige tausend Jahre zu alt. Dazu Reich: „Unsere Ergebnisse stellen die Theorie der Sprachverbreitung im Zusammenhang mit der Einwanderung der
ersten Bauern in Frage und belegen mit der spätneolithischen Wanderung aus der Steppe einen Bevölkerungsumschwung beachtlichen Ausmaßes, der eine spätere
Verbreitung des Indoeuropäischen plausibel macht.” Die fachübergreifende Interpretation von archäologischen, linguistischen und genetischen Daten ist jedoch kontrovers. „Das ist ein heikles Thema und muss mit Bedacht angegangen werden”, warnt Mitautor Johannes Krause, Direktor des neuen Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena. „Allerdings haben wir mit alter DNA endlich die zeitliche und genetische Auflösung, die uns hier weiterbringen kann. Wir haben diesbezüglich schon einen Workshop im Oktober in Jena anberaumt, in welchem wir uns zusammen mit Experten aus allen drei Fachrichtungen diesen Fragen widmen wollen.“

Laut Haak kann die Frage nach dem Ursprung auf folgendem Weg gelöst werden:  „Die Hauptaufgabe besteht nun darin, nach und nach die Fundlücken in unserer genetischen Kartierung zu stopfen. Wir wollen verstehen, wie ähnlich sich Bevölkerungsgruppen aus Europa, Anatolien, dem Kaukasus, Iran und Indien vor 3.000 bis 6.000 Jahren waren, um so dem potentiellen Ursprung der indoeuropäischen Sprachen näher zu kommen.“

 

 

(wird nicht veröffentlicht)